Lust auf Lesesplitter aus meinem neuen Roman?

Lesesplitter 1

Langsam gleiten seine Fingerspitzen über die Wange zum metallenen Bügel, berühren ihn. Sie hat ihren Kopf zurückgelegt. Ihre Augen glitzern in einer Mischung aus Meerblau und Tränen, und die Nasenflügel flattern wie die Nüstern eines Pferdes. Mason umfasst den Brillenbügel mit leicht bebenden Fingern, die Hand mit dem Mikrofon presst er seitlich gegen den Oberschenkel. Den Blick ihrer beeindruckenden Augen starr auf ihn gerichtet, beißt sie sich auf die volle Unterlippe. Es ist, als ob sie miteinander in einer Seifenblase gefangen wären, die einem Magnetfeld gleicht und mit Millionen geladener Teilchen gefüllt ist – als ein Trommelwirbel einsetzt und die Spannung zwischen ihnen zerreißt.

»Ladies and Gentlemen, die Luscious Cookies!« Die Stimme aus dem Nichts erfüllt die Royal Albert Hall, dringt aus jedem Lautsprecher bis hinauf zur Gallerie. Das Publikum belohnt die Ansage mit Jubel.

»Mister Lance Griffin an der Gitarre.« Der blonde Sonnyboy tritt vor, gerät in Masons seitliches Blickfeld, schlägt einige Akkorde und verbeugt sich.

»Mister Jax Boone am Bass.« Jax erscheint an Masons linker Seite, hebt die Bassgitarre liebevoll hoch vor sein Gesicht und küsst sie.

»Mister Graden Mackenzie an den Drums.« Der Trommelwirbel in Masons Rücken ist es, der den Blickkontakt zwischen ihm und der Frau in der ersten Reihe zu intensivieren scheint. Seine Haut beginnt zu kribbeln. Er spürt die Härchen, die sich auf seinen Armen aufstellen. Jedes einzelne.

»Und last but not least, Mason Mansfield!«, schreit der unsichtbare Ansager. Das hysterische Kreischen der Fans, die seinen Namen skandieren, antwortet ihm – und ein lauter Knall. Mason kann ihn förmlich spüren. Nicht nur, weil er sich wie eine Explosion anhört, sondern weil er dadurch rücklings zu Boden geworfen wird. Er verliert den Blickkontakt mit den blauen Augen in dem schmalen Gesicht, das von hellblonden Locken umrahmt wird. Mit aller Kraft stützt er sich auf den Ellenbogen auf und winkelt die Beine ab, um aufzustehen. Der zweite Knall tut weh. So richtig. Jemand schreit: »Blut, da ist Blut!« Masons linke Schulter wird von etwas getroffen. Durch den Aufprall wird sein Arm verdreht und gibt kraftlos nach. Er fällt auf den Rücken. Wie in Zeitlupe greift er mit der Hand an die schmerzende Stelle, hebt sie vor sein Gesicht. Seine Handfläche ist dunkelrot. Den dritten Schuss erkennt er als solchen, als ein Projektil etwas weiter unten einschlägt. Schlüsselbein, Brust, Herz. Im Bruchteil einer Sekunde rasen die Gedanken durch seinen Kopf. Dann: Der Stalker! Ich muss weg von hier! Er will sich hochkämpfen, aber es geht nicht. Die Kräfte verlassen ihn. Die Luft wird rar, das Atmen schwer. Schreie mischen sich mit der Stimme des Ansagers. »Bleiben Sie ruhig, es kann Ihnen nichts passieren!«

Ihnen nicht, ist das Letzte, was Mason denkt, bevor ihn schwarze Dunkelheit umhüllt.

 

Lesesplitter 2

Sie nickt dem Mann zu, so als ob sie alles Recht hätte, hier zu sein, steuert auf ihr Ziel zu und streckt die Hand Richtung Klinke aus. Der Polizist macht einen Ausfallschritt und lehnt sich polternd gegen die Tür. Breitbeinig und mit beiderseits des Körpers ausgestreckten Armen steht er da.

»Sie können da nicht rein!« Hektische rote Flecken bilden sich auf seinen Wangen und sein Schnurrbart zittert.

Norma-Jeane greift an die Mütze, zieht sie vom Kopf, und ihre hellblonden Locken ergießen sich über ihre Schultern. Der Mann – er ist nicht viel größer als sie – starrt sie entgeistert an.

»Kann ich sehr wohl. Ich bin seine Freundin!«

Sein Blick gleitet abwärts zu ihrem ausladenden Busen, der nur eine Handbreit vor seiner Brust auf und nieder wogt. So unangenehm sein leichter Schweißgeruch ist – wahrscheinlich sitzt er schon seit Stunden in dem überheizten Flur, Norma-Jeane weicht nicht einen Zentimeter zurück. Aber er! Die Tür an seinem Rücken wird von innen aufgerissen und er taumelt nach hinten.

»Passen Sie doch auf.« Eine resolute weibliche Stimme erklingt, bevor das Gesicht der dazugehörigen Frau erscheint. Sie schiebt den Polizisten mit einer unwirschen Geste zur Seite. Das Erste, was Norma-Jeane erkennt, sind die vielen Lachfältchen um ihre Augen, das Zweite das Funkeln darin.

»Wie auch immer Sie hierhergekommen sind, Mr Mansfield darf nicht gestört werden.«

Norma-Jeane schluckt. Sie braucht eine Antwort, aber ihr Kopf ist wie leer gefegt.

»Schwester Anne?« Eine wohlig warme Stimme ertönt aus dem Raum und ein Hitzeschauer erfasst ihren Körper. Nur weil die Krankenschwester vor ihr sich umwendet, sieht sie ihr Schwanken nicht. Umso mehr spürt sie den Blick des Polizisten auf sich, als der Mann in dem Krankenzimmer weiterspricht.

»Dass Sie meine Freundin als Störung bezeichnen, hätte ich nicht von Ihnen erwartet!«

Norma-Jeane beugt den Kopf nach vorn und schüttelt ihn reflexartig wie ein nasser Pudel. Sie muss einen Gehörsturz haben. Hat er gerade gesagt ...? Eine sonnengebräunte Hand mit langen, schlanken Fingern legt sich um den Oberarm der Frau in dem weißen Kittel und schiebt sie zur Seite.