Der Unterschied zwischen Terrorismus und einer Naturkatastrophe?

Ja, ich bin in erster Linie als Autorin auf den Sozialen Netzwerken, vermeide zu viel Privates. Es gibt ohnehin sehr viel, so die Politik eurer Heimatländer und die dortigen Probleme, die ich nicht kommentiere, da ich nichts davon verstehe. So wie ihr die unsrigen hier in Italien nicht kennt. Glaubt mir, es ist mir auch viel lieber zu schreiben und meine LeserInnen mit meinen Geschichten, meinen romantischen oder humorvollen oder sinnlich-prickelnden Romanen zu unterhalten. Aber heute …

 

Ich bin traurig. Seit eingen Jahren wird Europa von einer unsäglichen Terrorwelle überschwemmt. Die Flüchtlingswelle, die nun nicht mehr nur uns um Süden (Italien, Griechenland, Spanien) stark betrifft, wie schon seit mehr als drei Jahrzehnten, greift auf alle Nationen über und bringt Hass mit sich. Politiker streiten, Menschen radikalisieren sich, andere beginnen alle zu hassen, die ihnen unähnlich sind. Egal aus welchem Grund.

Aber all das wird von Menschen verursacht, gesteuert, angeheizt.

 

Vor genau einem Jahr, am 24. August 2016, erschütterte das erste entsetzliche Erdbeben Mittelitalien, Epizentrum in Amatrice. Vor drei Tagen wurde Ischia getroffen, diese wundervolle Insel unweit von Neapel, die Touristen aus aller Welt so sehr lieben.

Gegen Erdbeben, Naturkatastrophen im allgemeinen, gibt es kein Mittel.

Vor einem Jahr verloren tausende von Menschen in Mittelitalien ihre Häuser, der Ort Amatrice wurde komplett zerstört. 249 Personen verloren ihr Leben, viele leiden bis heute an den Folgen ihrer Verletzungen. Laut unserer Regierung wird es mindestens zehn Jahre dauern, bis all diese Erdbebenopfer wieder ein Dach über dem Kopf haben, das diesen Namen verdient.

Vor drei Tagen, am 21.8. um 21 Uhr, wurde die Insel Ischia von einem Erdbeben erschüttert. Es war nicht das erste, liegt Ischia doch im vulkanischen Gebiet des Vesuvs – aber es war das schlimmste seit langer Zeit. 2 Frauen starben, viele Menschen wurden verletzt, etwa 2000 Personen verloren das Dach über dem Kopf.

Die etwa 64000 Einwohner der Insel leben hauptsächlich vom Tourismus. So gesehen ist dieses Erdbeben eine Katastrophe – dachten wir alle. Die Urlaber werden ausbleiben …

 

Aber wisst ihr was? Die Urlauber standen am Morgen des 22.8. bereits an den Anlegestellen der Fähren, die von Neapel nach Ischia übersetzen. Mit Sonnenhüten, kurzen Hosen und Birkenstocksandalen oder Flip Flops warteten sie darauf, ihren Tagesausflug zu beginnen. Nicht, um zu helfen, sondern um die Insel zu erforschen, im Meer zu baden, gut zu essen, ihren Urlaub zu genießen …

 

Was ist der Unterschied zwischen Terrorismus und einer Naturkatastrophe?

Fährt ein Lastwagen in eine Menschenmenge, löst sie eine Angstwelle aus. Einheimische, vor allem aber Touristen vermeiden nicht nur eine Stadt, oftmals ein ganzes Land. Polizei und Militär präsidieren den Ort des geschehens, die Kontrollen und Sicherheitsmaßnahmen werden verstärkt.

Was folgt auf das Erdbeben in Ischia im August, der absoluten Hochsaison?

Ich kann euch mit dem Satz antworten, mit dem eine Urlauberin die Frage eines TV-Journalisten beantwortete, als sie in Ischia am Morgen nach dem Erdbeben von der Fähre an Land ging: "Wir haben unseren Urlaub teuer bezahlt, warum sollten wir darauf verzichten? Ischia stand für heute auf dem Programm und wir wollen es sehen. Das Erdbeben ist ohnehin vorbei und die Menschen hier sind froh, wenn sie unser Geld bekommen …"

 

Ich kommentiere nicht.

Meine Geschäftspartner und ich haben, gemeinsam mit einigen unserer wichtigsten Klienten, vor einem Jahr eine rein private Spendenaktion für die Erdbebenopfer von Amatrice und den umliegenden Ortschaften ins Leben gerufen. Weihnachten haben wir mit den am ärgsten Betroffenen, die in der Kälte in behelfsmäßigen Zelten lebten (und es immer noch tun), im Internat einer Schule verbracht. Wir haben gekocht, den Kindern kleine Geschenke mitgebracht, waren einfach zusammen. Mit einem katholischen Priester, zwei Ordensbrüdern, einigen jüdischen Freiwilligen, mehreren arabischstämmigen Ausländern verschiedener Religionen; alle vereint, um den Erdbebenopfern zu zeigen, dass man sie nicht vergessen hat.

Im vergangenen Jahr, als immer weitere Erdstöße das Land erschütterten, ging das Interesse der Medien zurück, flachte ab, verschwand. Wir sammelten weiter, kamen auf eine Summe von etwas mehr als viereinhalb Millionen Euro. Davon kauften wir Wohnzelte, Öfen, Wassertanks, mieteten Wohnungen für einige der Opfer an, die bereit waren, ihre unmittelbare Heimat zu verlassen. Kinder erhielten das Nötige, um in die Schule gehen zu können. Eine Dreijährige weinte ihrem Teddy nach und wollte nur diesen; wir suchten so lange, bis wir einen ähnlichen fanden. Die Hilfsmaßnahmen waren verschiedene, aber doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Vor zwei Tagen griffen wir in Ischia – nach Absprache mit der Kommunalverwaltung – helfend ein, wo es am Dringendsten benötigt wurde. Und viele der Klienten (allesamt Großunternehmer), die ihr Geld über die Holding meines Geschäftspartners anlegen, meldeten sich – und der Spendentopf füllt sich wieder.

Nein, wir wollen kein Geld von Privatpersonen.

Aber wir würden uns wünschen, dass die Menschen die unser Land als Urlauber besuchen und angeblich so sehr lieben, Mitgefühl und Verständnis zeigen, so wie sie auf den Sozialen Netzwerken ihre Trauer zum Ausdruck bringen, wenn ein LKW in eine Menschenmasse fährt …

 

Wie gesagt: Ich bin Autorin und liebe es, meine LeserInnen mit meinen Geschichten emotional zu berühren und zu unterhalten.

Aber ich bin auch ein Mensch, habe Gefühle, bin empathisch und sehr sensibel. So sehr ich im geschäftlichen Umfeld als tough bezeichnet werde, so sehr berührt mich unsensibles Verhalten. Nachdem ich dieses Fernsehinterview sah, das heute im Telegiornale (Nachrichten) erneut ausgestrahlt wurde (es wurde seit zwei Tagen mehrmals wiederholt), musste ich mir Luft machen.

 

Danke, dass ihr bis hierher gelesen habt. Eure Lisa Torberg

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Kommentare: 2
  • #1

    Ursula Schwarz (Donnerstag, 24 August 2017 11:56)

    Es ist unwahrscheinlich, wie abgestumpft und selbstbezogen manche Menschen sind. Danke für diesen Artikel, mit dem Sie aufzeigen, weshalb Ihre Bücher so einfühlsam geschrieben sind. Nur, wer zu starken Gefühlen fähig ist, kann mit seinen Romanen Leser begeistern, wie Sie es tun.

  • #2

    Karin Sch. (Montag, 28 August 2017 08:30)

    Unfassbar wie grausam und gefühllos wir Menschen mit dem Leid anderer Menschen umgehen. Wo sind wir nur hingekommen ��